ALEXANDER STEIG

Zeit, Raum, Kiesel

Alexander Steig arbeitet mit dem, was man leicht übersieht: mit Orten, an denen scheinbar nichts geschieht, mit alltäglichen Dingen und vor allem mit der Zeit. Für die Edition Ausbelichtet hat er diesen Arbeitsansatz zum ersten Mal auf Objekte übertragen, die man in die Hand nimmt und benutzt. Hier mehr über den Künstler und über den Weg, der zu dieser Zusammenarbeit geführt hat.

Bilder, die Zeit brauchen

Seit Mitte der 1990er-Jahre entwickelt Alexander Steig Videoinstallationen, in denen das Bild live übertragen wird, im Raum und in Echtzeit. Ihn interessiert, wie sich die Fläche des Bildes und der Raum um eine weitere Dimension erweitern lassen: die Zeit. Klassische Motive wie Landschaft, Porträt und Architektur befragt er dabei direkt vor Ort.

Inhaltlich kreisen viele seiner Arbeiten um Kontrolle und Beobachtung: um die Grenze zwischen Fürsorge und Überwachung, zwischen Öffentlichem und Privatem und um den Verlust von Intimität, den wir mal in Kauf nehmen und mal nicht bemerken. Für jedes Projekt recherchiert er die Geschichte des Ortes und reagiert auf das, was dort geschehen ist. Seine Mittel sind einfach: Modelle, Displays, Fundstücke, Archivmaterial.

Die Ausstellung als Aufführung

Steigs Installationen haben etwas Theatralisches. Sie sind auf Zeit angelegt, ihre Laufzeit ist die Dauer der Ausstellung, die Eröffnung ist eine Premiere. Gegenstände werden zu Requisiten, Licht und Medien bilden die Bühne. Was bleibt, ist die Erinnerung daran, und oft eine Publikation, die das Projekt dokumentiert.

Die Kiesel

Seit 2018 widmet sich der in Hannover ausgebildete Maler und Bildhauer den Kieseln der Flüsse, an denen er lebt: der Leine in Hannover, der Isar in München, dem Inn in Wasserburg, dem Fjord im isländischen Akureyri.

Die Isar fließt wenige Schritte von seiner Wohnung entfernt. Seit ihrer Renaturierung 2009 tauchen zwischen Praterinsel und Flaucher Kiesbänke auf und verschwinden wieder, je nach Wasserstand und Strömung. Auf seinen Spaziergängen sucht Steig dort nach Steinen, weniger aus geologischem als aus bildhauerischem Interesse. Farbe, Form und Größe entscheiden.

Wer am Fluss nach einem Kiesel greift, kann an Heraklit denken: Alles fließt. Wenn nichts bleibt, dann ist auch die Einzigartigkeit eines Kiesels nur vorübergehend, bis er zu Sand zerrieben ist. „Was identisch erscheint, ist meist nur ähnlich“, sagt Steig. Und Identität lässt sich auch behaupten: Ein Isarkiesel könnte genauso gut aus einem Kieswerk in Niedersachsen oder aus Skandinavien stammen.

Man kann sich aber auch einfach freuen. An einem Meer aus Steinen am Ufer, und an dem einen, nass glänzenden Kiesel in der Hand.

Vom Fluss auf das Leder

Bisher hat Steig seine Kiesel mit Kamera und Video in Bilder übersetzt, hat ihr Volumen, ihren Schliff und ihre Schatten untersucht. Für Ausbelichtet hat er auf die Kamera verzichtet. Das Bild entstand direkt auf dem Leder, über Monate, durch Sonne und Schatten.

Für Steig ist der Kiesel ein Gegenstand, an dem seine Umgebung über unvorstellbar lange Zeit gearbeitet hat. Er zeigt keine Spuren seines Weges, er ist selbst die Spur. Darin liegt die Verbindung zu unserem Naturleder, das mit jedem Gebrauch die Geschichte seines Besitzers aufnimmt. Jedes Stück der Edition erzählt so von zwei Begegnungen: der mit dem Stein und der mit dem Menschen, der es trägt.

Zur Person

Alexander Steig, geboren 1968 in Hannover, lebt und arbeitet als Künstler und Kurator in München und Berlin. Seit Mitte der 1990er-Jahre hat er über 300 Projekte, Ausstellungen und Kurationen realisiert, in Deutschland und in über zwanzig weiteren Ländern, von Island bis Japan, unterstützt durch mehr als 50 Stipendien, Residenzen und Förderungen. Er lehrt, publiziert und engagiert sich ehrenamtlich in der Kulturpolitik, unter anderem im BBK München, im Kunstraum München und im Akademieverein München.

Mehr über seine Arbeit: www.alexandersteig.de

Zur Edition Ausbelichtet